Umfrage: Glauben Sie an’s Chasarenreich?

Auf YouTube und anderen Plattformen erschien vor ein paar Tagen ein Video, das nachdenklich stimmt. Darin wird behauptet, daß die heutigen sich jüdisch nennenden Israelis, die im „Heiligen Land“ Araber unterdrücken und verbotenerweise im Westjordanland Siedlungen errichten, die eigentlichen Antisemiten sind.

Wie ist das möglich?

Nur unter Berücksichtigung der Blutlinien, wonach bei den heute in Israel wohnenden Juden keine 10 Prozent mehr eine diesbezügliche Verbindung zu den hebräischen alten Semiten haben, aber 80 Prozent der heutigen „Palästinenser“!

Das heißt, die Araber hätten dort tatsächlich die älteren Rechte und wären von Antisemiten unterjocht.

Die heutigen Juden werden in dem Bericht als eine üble, aus dem im Mittelalter untergegangenen Chasarenreich hervorgegangene Mafia dargestellt, die rachedurstig die Weltherrschaft anstrebt. Die Chasaren seien nur aus Kalkül und lediglich zum Schein zum Judentum übergetreten, während sie in ihren Palästen weiterhin dem babylonischen Baalskult huldigten und blutige Kindsopfer darbrachten.

 

Ausdehnung des mittelalterlichen Chasarenreiches:

Das Interessante ist, daß diese Thesen haargenau zu einem älteren SPIEGEL-Artikel passen, der damals für viel Wirbel gesorgt hat.

JUDEN

Nicht Abrahams Söhne?

In einem neuen Buch — es wird 1977 auch auf deutsch erscheinen — will Arthur Koestler beweisen: Die Ostjuden stammen nicht vom Auserwählten Volk der Bibel, sondern vom Turkvolk der Chasaren ab.
Das ist ein unheilvolles Buch, und Koestler muß sehr gut wissen, daß er die allerlebhafteste Katze unter die allernervösesten, irritierbarsten Tauben gesetzt hat“, kritisierte der Publizist Philip Toynbee — ein Sohn des Historikers Arnold Toynbee — im „Observer“ Arthur Koestlers neues Buch „The Thirteenth Tribe“ (Der dreizehnte Stamm)*.
Wenn Koestler schreibt, läßt er immer irgendeine seiner Katzen aus dem Sack, die irgendwelche Tauben irritiert. So empfahl 1945 der enttäuschte Kommunist in „Der Yogi und der Kommissar“ ein Amalgam von westlicher Wissenschaft und östlicher Weisheit. Nach einer Asienreise sprach er „Von Heiligen und Automaten“, und 1972 unternahm er in den „Wurzeln des Zufalls“ den Versuch, Atomphysiker und Parapsychologen zu verkuppeln (SPIEGEL 19/1972).
Diesmal hat der „bewunderungswürdigste zentraleuropäische Autor“ (Oxford-Historiker Robin Lane Fox) das alles übertroffen: „Ich habe“, behauptet Koestler, „die historischen Belege zusammengetragen, die darauf hinweisen, daß die Masse des östlichen Judentums — und damit des Weltjudentums — eher chasarisch-türkischen als semitischen Ursprungs ist.“
Damit dürfte Koestler einige Unruhe unter den 14,2 Millionen Juden von Tel Aviv bis New York verbreiten. Er durchtrennt nämlich jene nationalreligiöse Nabelschnur, die gerade Millionen von Juden in der Diaspora trotz aller Verfolgung als ein Volk besonderer Art mit den Abkömmlingen Abrahams, den zwölf Stämmen der Bibel, verbindet, also ihre Identität als „Auserwähltes Volk“ gewährleistet.
Das halbwilde Reitervolk der Chasaren saß etwa zwischen dem siebten und elften Jahrhundert in dem Gebiet zwischen Krim und Kaspischem Meer, zwischen Kaukasus und Mittellauf von Wolga und Dnjepr. Es bildete einen Pufferstaat zwischen dem Kalifat von Bagdad und Byzanz, später zwischen Ostrom und den von Norden herandrängenden Warägern, den Stammvätern der Russen.
Um 740 konvertierten die bis dahin schamanischen Turkabkömmlinge zum jüdischen Glauben. Koestler und seine wissenschaftlichen Gewährsmänner vermuten, aus realpolitischen Gründen:
Die Chasaren sahen zwar im Monotheismus die Grundlage höherer Lebensformen, wie sie ihre christlichen und islamischen Nachbarn besaßen. Doch sie fürchteten zugleich, daß sie mit der Annahme der Lehre Mohammeds unter den religionspolitischen Einfluß von Bagdad, mit der des Christentums unter den von Byzanz geraten könnten. Also wählten sie die dritte Kraft, den Judaismus, der keine weltliche Macht besaß und somit eine gewisse Unabhängigkeit des Chasaren-Reiches garantierte.
Im 13. Jahrhundert erlöschen die spärlichen Nachrichten über dieses Volk. Niemand weiß mit Sicherheit, wo sie geblieben sind.
Außer Koestler. Er treibt eine Vermutung an den Rand der Gewißheit: Die jüdischen Chasaren gelangten bei dem großen Völkergeschiebe. das der Mongolensturm bewirkte, in ihrer Masse nach Polen. Anders kann er sich jedenfalls das von ihm behauptete plötzliche und zahlreiche Auftreten von Juden seit dem Jahre 1200 in dem aufstrebenden polnischen Großreich nicht erklären.
Mit Vehemenz verwirft Koestler die herkömmliche Theorie, nach der die Masse der osteuropäischen Juden von Rhein und Main stamme. Von dort flüchteten sie angeblich nach den jahrelangen Pogromen, die 1096 den Ersten Kreuzzug begleiteten, und nach der großen Pest von 1348 bis 1350, die ihnen als „Brunnenvergiftern“ angelastet wurde, in den damals friedlichen und aufnahmebereiten Osten.
Die Gemeinden an Rhein und Main, so glaubt Koestler hingegen beweisen zu können, waren schon vor den Massakern viel zu klein, als daß die wenigen Davongekommenen den Grundstock für die Millionen Ostjuden hätten legen können.
Während nämlich die Westjuden, die „Sephardim“, nach 1960 auf eine halbe Million geschätzt wurden, zählten die „Aschkenasim“, die Ostjuden, zur gleichen Zeit elf Millionen. Koestler: „So ist, allgemein gesprochen, Jude gleichbedeutend mit aschkenasischem Juden.“ Und der Aschkenasi ist, wie der Autor glauben machen will, chasarischer Herkunft und somit eigentlich kein Jude.
Andere Historiker der jüdischen Geschichte, so etwa der ehemalige israelische Außenminister Abba Eban („Dies ist mein Volk“), sind hingegen der Meinung, daß nur die Oberschicht des Chasaren-Reiches sich zum Judentum bekannte und nach dem Mongolensturm lediglich „am Aufbau der großen Zentren des osteuropäischen Judentums“ mitwirkte.
Einige Schwierigkeiten bereitet Koestler freilich die besondere Sprache der Ostjuden, das Jiddische. Es enthält unzweifelhaft außer hebräischen und slawischen Elementen viel Mittelhochdeutsches. Für die Fachwissenschaft gilt als erwiesen, daß die Ostjuden dieses Mittelhochdeutsch in ihre Sprache aufnahmen. als sie noch an Rhein und Main saßen.
Doch Koestler fand in dem jüdischen Sprachforscher Mathias Mieses einen Kronzeugen, der 1924 entdeckt haben will, daß es keine rhein-mainische, sondern eine ostdeutsche Form des Mittelhochdeutschen war, die die Juden in ihre Sprache aufnahmen. Für Koestler gilt daher als sicher: „Der Hauptstrom der jüdischen Wanderung floß nicht vom Mittelmeer über Frankreich und Deutschland nach Osten und dann wieder zurück“, sondern er bewegte sich „ständig in westlicher Richtung vom Kaukasus über die Ukraine nach Polen, und von dort nach Mitteleuropa“.
Auch für die Entstehung des ostjüdischen Typus hat Koestler eine Erklärung: Er ist das Ergebnis jahrhundertelanger Getto-Inzucht. Er verweist darauf, daß die berühmte jüdische Nase bei den reinen Semiten, den Beduinen, nicht vorkommt. Die Merkmale eines bestimmten jüdischen Typus führt Koestler auf Umwelt und Vererbung zurück, keinesfalls aber auf semitische Ursprünge.
Koestler ist sich durchaus klar darüber, welchen Sprengstoff sein Buch auch für den Staat Israel birgt. Gleichwohl behauptet er, daß er dessen Lebensrecht nicht unterminieren wolle: „Was immer die rassischen Ursprünge der israelischen Bürger sein mögen und welche Illusion sie darüber unterhalten, ihr Staat existiert de jure und de facto und kann nicht aufgehoben werden, es sei denn durch Völkermord.“

Diese beruhigende Formel will Koestler-Kritiker Toynbee aber nicht gelten lassen: Der „Nationalstolz der Israelis“, ihre „rassische und religiöse Identität hängt von dem tragenden Glauben ab, daß sie direkt von den Hebräern des Alten Testaments abstammen“.

(DER SPIEGEL 26/1976)

Zionistische Lobbymedien in Deutschland wie die „Jüdische Allgemeine“ freilich tun die Existenz eines Chasarenreiches als verunglimpfendes „Märchen“ ab.

 

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