Sicher sind vielen Lesern in den vergangenen Tagen schmerzliche Erinnerungen gekommen und Parallelen aufgefallen. Im Juli in Nizza, jetzt im Dezember in Berlin: Wieder ein LKW, der durch die Dunkelheit rast, wieder rast er in große Menschenmassen hinein und sorgt für viele Tote und Verletzte. Und möglicherweise waren die Haupttäter in beiden Fällen Tunesier.

Das war aber leider noch nicht das ganze Déjà-vu:

Wie immer, wenn ein Moslem unschuldige Europäer abschlachtet, versuchen unsere verkommenen Medien auch im Berliner Fall, aus den Opfern eine graue, unpersönliche Masse zu machen. Unter dem Deckmäntelchen der Pietät nennt man weder die präzisen Namen noch Abkürzungen noch, ob es sich um Mann, Frau oder Kind gehandelt hat; geschweige denn irgendwelche ergreifenden Lebensgeschichten. Wie immer, wenn mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, daß es sich bei den Geschädigten überwiegend um Deutschstämmige handelt, gilt es, bloß keine Emotionen, geschweige denn tiefere Empathie aufkommen zu lassen. Soviel Solidarität zwischen Deutschen, wo kämen wir da hin!

Erinnern wir uns: Auch bei dem Nizza-Gemetzel am französischen Nationalfeiertag gab es deutsche Todesopfer, nämlich die Berliner Lehrerin Saskia Schnabel und zwei ihrer Schülerinnen. Es dauerte Tage, bis die EU-Medien diese konsequent einräumten, und selbst dann war es beim Recherchieren im Internet noch nicht einfach, an die Namen heranzukommen.

Deshalb entschloß sich terminegegenmerkel damals, im kritischen Artikel über Ken Jebsen, für den die toten Deutschen einfach eine Spätfolge des französischen Kolonialismus waren, auch ein Bild der letzten Facebook-Aktivitäten der lebenslustigen Saskia Schnabel zu veröffentlichen, um die Schweigespirale zu durchbrechen. Dafür wurden wir von Manchen kritisiert, aber die meisten Reaktionen waren positiv.

https://terminegegenmerkel.wordpress.com/2016/08/05/anmerkungen-zu-ken-jebsen/

Unsere Journaille hat aber in früheren Jahren nicht immer so ein schändliches Verhalten an den Tag gelegt. Im April 2002 erschien anläßlich des tödlichen Anschlags auf der tunesischen Urlaubsinsel Djerba im FOCUS dieser bemerkenswert ehrliche Artikel. Wieder geht es um einen LKW als Waffe, von einem Tunesier gesteuert. Hinweis: Es ist von 16 Toten die Rede, am Ende waren es 21.

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FOCUS Magazin | Nr. 17 (2002)

Opfer: „Sie lachten uns aus“
Montag, 22.04.2002, 02:00 ·
von FOCUS-Redakteur

Eine Augenzeugin beschreibt das Djerba-Attentat und wie die Verletzten angeblich von Tunesiern verhöhnt wurden.

Adrian ist ein Junge mit starkem Willen. Die Eltern sind mit ihm schon im hinteren Teil der La-Ghriba-Synagoge, als Vater Michael Esper, 35, seinem Quengeln nachgibt. Der Dreieinhalbjährige will unbedingt so ein „Hütchen“ haben, wie es alle männlichen Besucher tragen, eine Kippa. Also kehrt der Chemie-Ingenieur mit dem kleinen Dickkopf zum Eingang zurück.

Ein ohrenbetäubender Knall lässt Mutter Andrea Esper, 34, herumfahren. „Ich sah diese Feuerwand, und davor stand Adrian. Er hatte die Arme schräg nach oben gestreckt und brannte.“ Den Albtraum von Djerba schildert die Betriebswirtin aus Bergkamen nüchtern und präzise. „Das ist ein Film, der sich in meinen Kopf eingebrannt hat“, sagte sie wie zur Entschuldigung, „den lass ich jetzt einfach ablaufen.“

Der Vater, von der Detonation zu Boden gerissen, stürzt sich auf den Jungen, trägt ihn zur Mutter. Beide ersticken die Flammen, ziehen Adrian die Reste der blauen Jeans und des grün-weiß-orange geringelten T-Shirts aus. Draußen glüht das Wrack eines Kleinlasters, daneben liegen zwei verkohlte Leichen. Menschen mit schwersten Verbrennungen irren unter Schock umher. Der Busfahrer wird bedrängt, die Verletzten ins Krankenhaus zu fahren. Nahe der Synagoge, erinnert sich Andrea Esper, passiert der Bus eine Gruppe Einheimischer: „Einige hatten die Fäuste gehoben. Sie lachten uns aus.“

Im Krankenhaus von Houmt Souk die Diagnose: Adrians Haut ist zu 35 Prozent verbrannt – Lebensgefahr. Die Mutter informiert Verwandte. Der Kleine ist zusatzversichert – inklusive Rücktransport. Während er am Abend mit anderen Opfern nach Tunis verlegt wird, ist in Deutschland bereits ein privater Kranken-Jet startklar. Tags darauf um 9.30 Uhr – Stunden bevor das vom Reiseveranstalter TUI beauftragte Vorauskommando für die Evakuierung der übrigen Verletzten nach Tunesien startet – landet die Familie in Köln. Adrian wird in eine Spezialklinik im Ruhrgebiet gebracht.

Andrea und Michael Esper wollen jetzt mit Hilfe der Anwälte Elmar Giemulla (Berlin) und Gerhart Baum (Köln) ein „starkes Opferbündnis“ schmieden. Gemeinsam soll Druck ausgeübt werden, um zu klären, ob Warnhinweise auf ein zunehmend antiwestliches Klima in Tunesien ignoriert wurden und welche Fehler und Unzulänglichkeiten bei der Versorgung der Opfer und der Betreuung der Angehörigen unterliefen. Djerba werde „angesichts des dramatischen Stimmungsumschwungs in der arabischen Welt kein Einzelfall bleiben“, befürchtet Anwalt Giemulla. Deshalb müssten Staat und Reiseunternehmen „umgehend bessere Krisenpläne für solche Situationen entwickeln“.

+ + + Die Toten und Verletzten von Tunesien + + +

+ + + Terror gegen Urlauber + + +

Kampf ums Überleben

Die Schwerbrandverletzten werden in deutschen Kliniken behandelt.

Universitätsklinik Lübeck

Der Zustand der Geschwister Ronja, 13, und Solveig, 16, ist ernst. Sehr kritisch ist der von Sabine W., 33.

Unfallkrankenhaus Berlin

Das Ehepaar Anke, 38, und Günther R., 44, sowie die 22-jährige Ursula E. schweben in akuter Lebensgefahr.

Kinderkrankenhaus Wilhelmstift

Niklas R., 18 Monate, wird wohl überleben. Seine Eltern ringen mit dem Tod.

Unfallklinik Hamburg-Boberg

Max R., 16, ist außer Lebensgefahr.

Klinikum Aachen

Lars N., 14, ist aus dem künstlichen Koma erwacht. Der Kreislauf ist stabil.

Städtische Klinik Köln-Merheim

Die Situation bei zwei Männern, 44 und 72, ist inzwischen zufrieden stellend.

Spezialklinik im Ruhrgebiet

Adrian Esper, 3, ist außer Lebensgefahr.

Deutsche Opfer des Anschlags vom 11. April

Insgesamt 16 Menschen starben bei der Explosion eines mit Gasflaschen beladenen Autos auf Djerba. Elf deutsche Touristen sind unter den Toten.

Jovanka H., 15

Neustadt (Holstein)

Vergangenen Mittwochabend erlag das Mädchen in der Uniklinik Lübeck den Folgen ihrer 95-prozentigen Hautverbrennungen. Die Gymnasiastin galt als hoffnungsvolles Handballtalent. Vater Hilmar, 41, verstarb Tage zuvor in Tunesien. Ihre Schwestern liegen in der Klinik.

Werner H., 52

Hannover

Der gelernte Elektriker arbeitete als Hausmeister in Hannover. Kollegen beschreiben ihn als pflichtbewusst und bescheiden. Der begeisterte Radfahrer hinterlässt einen Sohn und eine Tochter. Seine Lebensgefährtin Sabine W., 33, überlebte den Anschlag schwer verletzt.

Anne M., 54

Rosenheim

Anne M. wollte mit ihrem Mann Erich keinen Strandurlaub machen, sondern Land und Leute kennen lernen. Die Laborassistentin war praktizierende Christin und an anderen Religionen interessiert. Deshalb besuchte sie die berühmte Synagoge. Sie hinterlässt zwei erwachsene Söhne.

Helga N., 68

Berlin

Die reiselustige und kontaktfreudige Ex-Postangestellte reiste stets allein. Nach Urlauben auf Sri Lanka, in Südafrika und Italien wollte sie wieder nach Tunesien. Keine 24 Stunden nach dem Terroranschlag verstarb die rüstige Rentnerin in einem Militärkrankenhaus in Tunis.

Birgit R., 43

Stockelsdorf

Die allein erziehende Mutter leitete sehr engagiert eine Selbsthilfegruppe für Familien mit Down-Syndrom-Kindern. Birgit R. hinterlässt die Söhne Max, 16, und Paul, 18. Statt Ostern auf Djerba zu verbringen, war Paul Ski laufen. Verwandte wollen sich um die Vollwaisen kümmern.

Felix R., 12

Stockelsdorf

Als „Sonnenkind“ bezeichnete Birgit R. ihren behinderten Sohn, weil er so viel Fröhlichkeit ausstrahlte. Der am Down-Syndrom leidende Felix hörte gern Kindercassetten und liebte es, im Flugzeug zu verreisen. Sein Vater verstarb vor anderthalb Jahren.

Ruth S., 65

Niendorf

Die Mutter von Birgit R. arbeitete bis vor zwei Jahren in einem Grundbuchamt bei Lübeck. Nach der Pensionierung wollte die zweimalige Witwe „den Lebensabend genießen“ und verreisen. Gefreut hatte sich Ruth S. bereits auf eine für den Juni geplante Fahrradtour mit Freunden.

Helga U., 51

Heilbronn

Am Freitag wurde die Hausfrau in Böckingen bestattet. Einen Monat zuvor erst war sie von einer Mexiko-Rundreise mit ihrem Mann zurückgekommen. Vor zwei Wochen flog sie mit ihrer Freundin und ehemaligen Arbeitskollegin Edeltraud G., 59, nach Djerba. Auch G. starb bei dem Anschlag.

Weitere Todesopfer

Raissa E., 50, aus Bad Oldesloe arbeitete in einem Altersheim als Krankenschwester. Sie verstarb vier Tage nach dem Anschlag in einer Berliner Spezialklinik. Ihre Haut war zu 90 Prozent verbrannt. Außerdem kamen beim Anschlag auf die Synagoge vier Tunesier und ein Franzose ums Leben.

http://www.focus.de/politik/deutschland/opfer-sie-lachten-uns-aus_aid_205984.html

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Soweit der Artikel des FOCUS.

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