Putschüberlegungen

Was war das nun in der vergangenen Nacht in der Türkei? Ein Umsturzversuch? Ein Fake? Ein Reichstagsbrand? Mittlerweile kommt es Einem vor wie ein böser Traum, irgendwie unwirklich. Aber es stehen fast 300 Tote zu Buche, und die Zahl steigt noch, weil die Erdogan-Anhänger jetzt an den Putschisten üble Rache nehmen. Von Lynchjustiz und Enthauptungen ist die Rede. Erdogan und Yildirim sind wieder obenauf.

Los ging’s gestern abend etwa um 21:30 Uhr MESZ. Minütlich überschlugen sich die Meldungen. Erdogan sei abgetaucht, kurz darauf hieß es, er sei angeblich auf der Flucht nach Deutschland. Als dann die aufständischen Armeeeinheiten auch noch den Istanbuler Atatürk-Flughafen nach schweren Kämpfen einnahmen, ebenso das Parlamentsgebäude in Ankara, und in die AKP-Zentrale zumindest eingedrungen waren, schien der Coup zum Greifen nah. Von Merkels Riege hörte man zu diesem Zeitpunkt kurz nach Mitternacht keinen Mucks. Die warteten die weiteren Entwicklungen ab, um sich nicht am Ende mit der Verliererseite solidarisiert zu haben, immerhin ist die Türkei ein NATO-Staat.

Als die Putschisten die beiden wichtigsten türkischen Fernsehsender besetzt hatten, jubelten einige Erdogan-Gegner schon. Via TV verkündeten die Umstürzler ihre Machtübernahme, erklärten sich kurz, und ordneten eine Ausgangssperre für Zivilisten an.

Erdogan jedoch rief postwendend seine Anhänger dazu auf, dem nicht Folge zu leisten und stattdessen auf der Straße Widerstand zu zeigen. Mitten in der Nacht zu außergewöhnlicher Stunde riefen alle Muezzine in Ankara, Istanbul und vielen anderen Städten die strenggläubigen Moslems per langanhaltenden Gebetsrufen nach draußen, und es kam zu Schußwechseln mit vielen Toten und Verletzten auf beiden Seiten. Die Polizei stand überwiegend loyal zum Präsidenten.

CNN Türk berichtete seit kurz vor 4 Uhr morgens wieder regimetreu und verkündete, daß der Putsch gescheitert sei. Zuerst ergaben sich die Soldaten in Istanbul, die in Ankara hielten noch etwas länger durch.

Erdogan machte sich sogleich an die angedrohten Säuberungen und entließ eine vierstellige Anzahl von Richtern und ließ unzählige Militärs verhaften.

Frühmorgens meldeten sich auch Verteter des Merkel-Regimes zu Wort, zeigten sich erleichtert und beglückwünschten den Türkenführer zu seinem Erfolg. Die Demokratie habe gesiegt.

So weit, so gut. Oder schlecht.

Trotzdem wird man als denkender Mensch bei diesen Ereignissen etwas hellhörig. Es gibt Dinge, die machten die Aufständischen gut. Sie nutzten den Überraschungseffekt und nahmen zu Anfang entschlossen den Istanbuler Flughafen und das Parlamentsgebäude in Ankara ein. Strategisch erstmal nicht schlecht.

Aber was geschah danach? Warum konnten TRT und CNN Türk dann noch eine gefühlte Ewigkeit Erdogan-Propaganda verbreiten? Kämpfe rund um diese wichtigen Gebäude, okay. Aber Profis hätten ihnen doch zumindest den Saft abgedreht und sie im Dunklen gelassen. So wenige Soldaten, wie von Yildirim und Erdogan behauptet, waren nämlich an den Aktionen nicht beteiligt. Besser als die Einnahme der beiden Fernsehsender wäre es selbstverständlich gewesen, diese beiden Herren sofort festzusetzen. Denn es war absehbar, daß sie, wie geschehen, im Zeitalter von Multimedia natürlich über andere Kanäle fröhlich weiterplappern würden, auch wenn Telefon und Internet, vor allem Facebook, zwischenzeitlich stark gestört waren.

Festnehmen, festsetzen die zwei, davon Bilder knipsen und ins Netz stellen! Sowas verbreitet sich heutzutage in Sekundenschnelle weltweit und hätte den AKP-Anhängern die Kampfmoral geraubt. Dann hätte dieser Umsturz, an dem sicherlich nur eine Minderheit im Volk beteiligt war, Erfolg haben können.

Na ja. Hätte, wäre, wenn. Wir sitzen hier im Trockenen und können trefflich darüber philosophieren. Merkel hat heute die türkische Regierung gemahnt, nun bei der Verfolgung der Putschbeteiligten nicht über die Stränge zu schlagen und rechtsstaatliche Normen einzuhalten. Ob das die Leute in Ankara oder Istanbul interessiert?

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3 Kommentare

  1. Die erdoganistischen Säuberungen gehen weiter. Mittlerweile sind 6 – 7000 inhaftiert. Richter, Staatsanwälte, darunter auch zwei Verfassungsrichter. Erdogan schließt für diese die Todesstrafe nicht aus.

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  2. Der türkische Arbeitsminister Soylu bezichtigt die USA, hinter dem Putschversuch zu stecken. US-Außenminister Kerry streitet dies ab.

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  3. @Observer

    Soylu sollte aufpassen, daß ihn die USA nicht zu Soylent Green verarbeiten!

    SOYLENT GREEN IST MENSCHENFLEISCH!!!

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