Der Brexit erinnert nun wieder an einen der häßlichsten Konflikte des 20. Jahrhunderts: Den Bürgerkrieg in Nordirland zwischen unionistischen Protestanten und republikanischen Katholiken.

Den Jüngeren muß man ins Gedächtnis rufen, was da mitten im „zivilisierten“ Westeuropa eigentlich abgelaufen ist. Kurz gesagt, es war schlimm, sehr schlimm, und hat Tausende auf beiden Seiten das Leben gekostet.

Besonders in den 1970er und 1980er Jahren zeigte sich dieser Bürgerkrieg von seiner grausamsten Seite. Blutige Bombenanschläge in nahezu jeder größeren britischen und irischen Stadt waren an der Tagesordnung; Soldaten, Polizisten und sonstige Staatsrepräsentanten wie Politiker wurden umgebracht. Attentate auf Thatcher scheiterten nur knapp. Weite Teile der betroffenen Bevölkerung verarmten.

Es ging in Nordirland sogar so weit, daß öfters bei Beisetzungen von Bürgerkriegsopfern tatsächlich noch in die Trauergemeinde gefeuert wurde(!), was wiederum zu Toten führte.

Schließlich baute man zwischen die Wohnviertel der Protestanten und der Katholiken hohe Mauern mit nur wenigen Durchlässen, die streng bewacht wurden. Langsam blutete der Konflikt aus, bis er 1998 für „endgültig beendet“ erklärt wurde.

Das war freilich gelogen. Noch im 21. Jahrhundert war es dem londontreuen protestantischen „Oranierorden“ gestattet, an einem bestimmten Tag im Jahr provokativ durch Katholikenviertel zu stolzieren, was regelmäßig für Unruhen sorgte. Und Kinder, die auf ihrem Schulweg ein paar Straßen der Anderskonfessionellen durchqueren mußten, wurden dabei nicht selten böse zusammengeschlagen.

Warum stolzierten die „Oranier“? Sie fühlten sich mehr oder weniger als die „heimlichen Sieger“ des langen Bürgerkriegs. Die Katholiken hatten ihr erklärtes Ziel, nämlich die Wiedervereinigung Irlands, nicht realisieren können. Nordirland oder Ulster, wie es auch genannt wird, blieb bei Großbritannien. Das Schreckgespenst einer Diskriminierung durch die katholische Dubliner Regierung hatte sich für die Protestanten also vorerst verzogen.

Bis zum Brexit.

Eine Mehrheit beider Konfessionen ist sich in Nordirland einig, daß man in der EU bleiben möchte. Man ist aber realistisch genug, um zu erkennen, daß Ulster zu klein und zu schwach ist, um die Unabhängigkeit ausrufen zu können, wie das die Schotten einmal mehr vorhaben. Die nordirischen Katholiken streben daher eine Vereinigung mit der Republik Irland an, die EU-Mitglied ist. Damit hätten sie nebenbei, wenn auch verspätet, ihr altes Bürgerkriegsziel doch noch erreicht. Solche Pläne treffen bei den Protestanten natürlich auf Ablehnung, da sie befürchten, dann unterdrückt zu werden. Sie würden am liebsten das Referendum in Schottland abwarten, um sich dann im Falle einer schottischen EU-Reintegration mit diesem Land zusammenzuschließen, da in Schottland beide Konfessionen mittlerweile relativ friedlich miteinander auskommen.

Ein Zusammengehen mit den Schotten wird aber allgemein als unwahrscheinlich eingestuft, so daß es durchaus im Bereich des Möglichen ist, daß bald eine protestantische Auswanderungswelle nach Britannien einsetzt, was natürlich ein Armutszeugnis für das EU-Projekt „Toleranz und Vielfalt“ wäre.

U2 – Sunday Bloody Sunday

 

Simple Minds – Belfast Child

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